Gendern: Diversität und Gleichberechtigung in der Sprache

Heute morgen (13.2.22) habe ich einen sehr interessanten Radio-Beitrag zum Thema Sprache gehört. Gisela Steinhauer hatte Dr. Rita Mielke zu Gast, promovierte Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Ihre Themenschwerpunkte sind Kultur(-geschichte), Literatur und Sprache. Das hat  mich veranlasst, über Sprache und das Gendern nachzudenken.

Die Bedeutung von Sprache

Es ging unter Anderem um die Bedeutung von Sprache. Wir gehen automatisch davon aus, dass andere Sprachen so funktionieren wie unsere, etwas anderes können wir uns gar nicht vorstellen. Doch das ist nicht so!

In Thailand gibt es ein Volk, das hat Worte für Düfte, so wie wir Worte für Farben haben. Wir sagen: „Der Pullover ist grün.“ und nicht: „Der Pullover hat die Farbe von Gras.“ Bei Dürften sagen wir: „Es riecht nach Vanille mit einem Hauch von Quitte“, oder „Das riecht nach Veilchen.“, und so weiter. Diese Menschen, die Maniq, haben also für Düfte eigene Worte. Wir können davon ausgehen, dass Düfte in dieser Kultur, im Leben der Menschen dort eine viel größere Rolle spielen als bei uns.

Es gibt (oder gab?) ein indigenes Volk in Amerika, die Whoopees, die keine verschiedenen Verbformen für Zeiten haben: Es gibt nicht „ich gehe“, „ich ging“, „ich werde gehen“, sondern nur eine Zeitform. Hier spiegelt sich ein komplett anderes Verständnis von Zeit und Leben wider: Das Leben wird nicht als linear fortlaufend verstanden, sondern viel mehr als Kreislauf.

Umgekehrt geraten z.B. Handwerkstechniken in Vergessenheit, wenn die Sprache, in der es Wörter für diese spezielle Technik gibt, ausstirbt.

Es gab auch Menschen, die gemeinsame Sprachen entwickelten, zum Beispiel Michif. Schottische und französische eingewanderte Menschen bildeten mit den indigenen Menschen ein neues Volk, die Métis: es bildete sich eine neue Sprache, die noch heute von ca. 1000 Menschen gesprochen wird.

Diese Informationen waren Teil des Radio-Beitrags, nun kommen meine Gedanken dazu.

Sichtbarmachung in der Sprache

Dinge, die wichtig sind, die in unserem Alltag eine Rolle spielen, benennen wir, das wurde mir durch die Ausführungen von Rita Mielke bewusst. In Mexiko gibt es zum Beispiel verschiedene Worte für Erdbeben. Je nachdem, wie sich die Erde bewegt, sagt man „terremoto“ oder „templor“. Dort spielen Erdbeben eine ganz andere Rolle als in Deutschland.

Und es ist schwierig, über Dinge zu reden, für die wir keine Worte haben. Ich denke, meistens wird das, was wir nicht benennen (können), nicht wahrgenommen, es ist, als würde es nicht existieren.

Die Rechte der Frauen

Lange Zeit waren Frauen unsichtbar, hatten nichts zu sagen, wurden nahezu vollständig fremdbestimmt (von Männern). Wer jetzt denkt, das ist ja lange her: Das Wahlrecht für Frauen wurde 1918 eingeführt. Das ist gerade mal 100 Jahre her. Bis 1958 brauchte eine Frau das Einverständnis ihres Vaters oder Ehemannes, um einen Führerschein zu machen. Ebenfalls seit 1958 dürfen Frauen ihr eigenes Vermögen verwalten und ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten gehen. Noch bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur arbeiten gehen, wenn dies „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 ein Straftatbestand!

Und ich glaube, wir können davon ausgehen, dass wir in Deutschland gar  nicht so schlecht dastehen im weltweiten Vergleich. (Wobei das eine Theorie ist, die ich eigentlich mal überprüfen müsste.)

SPD-Wahlplakat aus dem Jahre 1919 mit dem Hinweis auf das Wahlrecht der Frauen
SPD-Wahlplakat aus dem Jahre 1919

Die Frau in unserer heutigen Sprache

Wenn ich davon ausgehe, dass das, was wichtig ist, sich in der Sprache widerspiegelt, was sagt es dann über unsere Gesellschaft? Es gibt Ärzte, Polizisten, Lehrer. Logisch, dass MAN Frauen da auch meint. Oder? Da denke ich wieder an das Volk mit den Worten für Düfte, denen das so selbstverständlich ist wie uns unsere Worte für Farben.

Ich bin der Meinung, dass die Sichtbarmachung in der Sprache ein ganz wichtiger Aspekt im Prozess der Gleichberechtigung der Frauen ist.

Dabei möchte ich betonen, dass es sich, aus meiner Sicht, um einen Prozess handelt. Möglichweise sind wir irgendwann wirklich so weit, dass sprachliche Sichtbarmachung nicht mehr so wichtig ist, aber davon sind wir weit entfernt.

Und bis dahin finde ich es notwendig, Frauen in der Sprache zu repräsentieren. In welcher Form dass sein soll, darüber kann und darf natürlich respektvoll und konstruktiv diskutiert werden. Möglichkeiten gibt es viele, und sie haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. Um die Vielfalt zu zeigen, möchte ich nur einige auflisten:

  • Lehrerinnen und Lehrer: finde ich gut, wenn aber im Text viele Substantive vorkommen, die in beiden Formen aufgezählt werden, kann es auch schnell anstrengend werden.
  • ÄrztInnen: Das sogenannte Binnen-I  ist im Schriftlichen eine elegante Form, finde ich.
  • Polizist_innen: Kann man auch machen. Ich war erstaunt, dass man das sogar „sprechen“ kann, mit einer kurzen Pause, ähnlich wie in Rührei (Rühr-Ei) oder Theater (The-ater). Am Rande erwähnt, aber sehr spannend: Obwohl ich fasziniert und begeistert war, als ich das hörte, fiel es mir unglaublich schwer, das selber umzusetzen. Warum? Ich weiß es noch nicht. Aber ich habe etwas Verständnis dafür, dass Menschen sich damit schwer tun.
  • Anwält*innen: Der Gender-Stern, so wie ich das sehe, wird entweder geliebt oder gehasst. Das Schöne am Gender-Sternchen ist, dass hier nicht vom binären System ausgegangen wird, also dass nur es Männer und Frauen gibt, und sonst nichts. Alle Menschen, die sich nicht, nicht eindeutig oder nicht immer den Kategorien Frau und Mann zuordnen, finden sich hier wieder; als Sternchen, das ist vielleicht auch noch nicht das Wahre, aber es ist ein Anfang. Mich persönlich stört das Sternchen im Lesefluss überhaupt nicht. Aber ich habe mal einen Text gelesen, in dem die Autorin immer das Und-Zeichen „&“ anstatt des Wortes benutzte. Das hat mich irgendwie total gestört beim Lesen! Wenn es also für Sternchen-Kritisierende so ist, wie für mich das &-Zeichen, dann kann ich nachvollziehen, dass es eine gewisse Gewöhnung braucht.

Wie schwierig das im Einzelfall sein kann, zeigt das Beispiel jüdischer Menschen: da ist das Sternchen nicht gern gesehen, was ich nachvollziehbar finde, und „Jud“ und „Jüd“ sind sehr negativ belegt.

Ihr seht, wie schwierig das Thema ist! Über das Thema Gendern gibt es Bücher (ich hab eins gesehen in der Stadtbücherei) und lange Abhandlungen. Ich kann und will hier nicht in der Breite darauf eingehen. Der zentrale Punkt ist: Was wichtig ist, spiegelt sich in unserer Sprache wider, deshalb finde ich es wichtig, zu gendern!

Gleichberechtigung

Ich habe kürzlich ein Interview gelesen mit einer prominenten Persönlichkeit. Grob zusammen gefasst ist sie der Meinung, dass das Aufspalten der Geschlechter, die Diversität, der ursprünglichen Idee der Gleichberechtigung von Männern und Frauen entgegen steht. „Frau“ heißt bei ihr: Mensch, dem bei der Geburt das Geschlecht weiblich zugewiesen wurde.

Das sehe ich nicht so: Die Sichtbarmachung von Menschen durch die Sprache ist für die Gleichberechtigung und Anerkennung unerlässlich. Was nicht benannt wird, gibt es auch nicht. Das gilt beispielsweise für trans*Menschen ebenso wie für Frauen. Und übrigens ist jede, die sich selbst als Frau fühlt und definiert, eine Frau. Punkt. Das gleiche gilt natürlich für Männer.

Christopher Street Day 2021 in Dortmund

Sichtbarmachung aller Menschen in der Sprache

Schwule, Lesben, trans*Menschen, das alles hat es lange nicht gegeben, zumindest in der Sprache und damit auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Lange Zeit war es mit großen Schwierigkeiten verbunden, ja sogar mit der Gefährdung der Existenzgrundlage, wenn Menschen sich zu ihrer Identität oder sexuellen Orientierung bekannten. Wieviel Leid waren und sind Menschen ausgesetzt, die sich ein Leben lang verleugnen müssen! Zum Prozess der Veränderung gehört auch die Sprache. Was soll jemand sagen, um auszudrücken, dass die Person sich weder als Mann noch als Frau fühlt? Es ist doch wohl wesentlich einfacher, zu sagen „Ich bin nicht-binär“. Und diese Menschen gibt es, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Geschlecht ist nicht binär. Sprachlich werden sie bisher im besten Falle durch ein Sternchen repräsentiert. Da ist noch Luft nach oben. (Zum Thema nicht-binär werde ich einen eigenen Blog-Artikel verfassen, das ist zu groß, um es hier aufzudröseln.)

Ich finde es wichtig und richtig, zu wissen, dass es pansexuelle, asexuelle, intersexuelle, homosexuelle, bisexuelle, nicht-binäre, queere und trans*idente Menschen gibt, und noch vieles mehr. Müssen wir darüber reden? Nein! Müssen wir nicht. Wir wollen. Bewusstwerden und Akzeptanz ist auch mit Sprache verbunden. Sprache verändert sich, das ist normal. Ich denke, Rechtschreibereformen zum Beispiel waren noch nie sehr beliebt, aber wir sind heute alle froh, nicht mehr „Photographie“ zu schreiben.

Übrigens, wer jetzt denkt, dass Homosexualität doch echt kein Thema mehr ist: Das finde ich lobenswert! Aber der sogenannte „Schwulen-Paragraph“ 175 des Strafgesetzbuches, nachdem sexuelle Handlungen zwischen Männern eine Straftat darstellten, galt bis 1994!

Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung

Veränderung ist immer ein wenig unbequem, wir müssen uns auf Neues einstellen, Dinge neu lernen. Willkommen im Leben! Das kann auch sehr bereichernd sein. Keiner von uns möchte mehr vom Hufschmied die Zähne gezogen kriegen, wir sind uns wohl einig, dass die Erfindung von Zahnärzt*innen eine feine Sache ist. Allerdings mögen das damals die Bader und Hufschmiede anders gesehen haben.

Ich bin sehr gespannt, welche Veränderungen sich für unsere Sprache ergeben werden, und ob wir eines Tages dahin kommen, dass Geschlecht eigentlich keine Rolle mehr spielt. Dann gibt es keine Mädchen- und Jungen-Farben mehr, keine Männer- und Frauenberufe, keine gesonderte Mode für Männer und Frauen. Mir erscheint das sehr verlockend, aber bis dahin steht es jede*m zu, sich sprachlich zu definieren, um wahrgenommen zu werden.

 

Equal rights for others does not mean less rights for you. It´s not pie.
Gleiche Rechte für Andere bedeutet nicht weniger Rechte für mich. Es ist kein Kuchen!

Ergänzung:

Aufgrund der Kommentare und Hinweise habe ich mich weiter schlau gemacht (Stand 18.02.22)

Genus und Sexus

Es gibt ein Youtube-Video (ca. 30 Minuten, es lohnt sich!), wo Alicia Joe sehr schön erklärt, was der Unterschied zwischen Sexus und Genus ist, was das generische Maskulinum eigentlich ist, was movierte Personenbezeichnungen sind (die Lehrerin). Sie bringt viele anschauliche Beispiele, die ich sehr hilfreich und interessant fand. Der Vorschlag von Alicia Joe: Die Streichung aller Movierungen. Der Lehrer wird dann für männliche und weibliche Personen verwendet. Wenn es auf den Sexus, also das Geschlecht, ankommt, könnte der männliche Lehrer und der weibliche Lehrer verwendet werden. Achtung, jetzt wird es spannend: Auch die männlichen Movierungen würden wegfallen. Es wäre dann auch für männliche Menschen „die Hexe“ (und nicht „der Hexer“). Ok, das verwendet eh kaum einer. Spannend wird es bei „die Witwe“ und noch viel spannender „die Braut“.

mein (vorläufiges) Fazit

Also ich persönlich sehe das so:

Wenn die Männer es akzeptieren, als „die Braut“ bezeichnet zu werden, sind wir vermutlich in der Gleichberechtigung so weit, dass wir Gendern wirklich nicht mehr brauchen.

Einige Annahmen bzw. Schlüsse finde ich falsch: zum Beispiel, das uneinheitliche und unkorrekte Gendern als ein Argument gegen Gendern zu verwenden, finde ich nicht logisch. Das bedeutet nur, dass wir einen Konsens und eine Regelung bräuchten.

Alicia Joe sagt, dass Sprache von Natur aus immer einfacher wird, nicht komplizierter. Das kann ich so nicht stehen lassen. Es wurde ja nicht plötzlich jemand mit einem Duden und einer fertigen Sprache geboren, nehme ich an. Die Menschen begannen, einige Dinge, ich denke mal Personen, differenziert zu benennen. Und dann einige Orte (Bett, Höhle, Baum) einige Tätigkeiten (essen, schlafen, jagen). Irgendwann fingen sie an, die Dinge zu verknüpfen, stellten fest, dass es praktisch wäre zwischen kleinem und großem Wasser zu unterscheiden, und ob sie heute oder gestern dort waren oder morgen dorthin gehen wollen, oder so ähnlich. Sprache wurde also erstmal immer komplizierter. Dafür brauche ich wirklich keine Sprachwissenschaftlerin zu sein, um das zu erkennen.

Es ist nachvollziehbar, dass das Gendern aus sprachwissenschaftlicher Sicht, zumindest so wie es Alicia Joe argumentativ aufbaut, nicht notwendig ist. Als Beispiel nennt sie „die Lehrer“, da würden die meisten an eine geschlechtlich gemischte Gruppe denken. Das enthält einen Denkfehler, denn gilt das auch für Wörter wie Polizist oder Anwalt? Na? Ich denke nicht. Möglicherweise müsste man die sprachwissenschaftliche Ebene mit Erkenntnissen aus anderen Forschungsgebieten ergänzen.

Weiter bezweifelt Alicia, dass Sprache die Realität verändert. Das mag sein; aber Sprache bildet die Realität ab (denkt an die Maniq mit den Worten für Düfte).

Gerade beim Gender-Sternchen geht es darum, dass die Zuordnung zu zwei Geschlechtern schwierig ist und dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Diese Tatsache kommt in dem Beitrag viel zu kurz. Das mag daran liegen, dass Alicia anscheinend noch nicht verstanden hat, dass Geschlechtsmerkmal und Geschlecht nicht identisch sind. Hierzu empfehle ich ein Interview mit Heinz-Jürgen Voß, erschienen bei „fluter – das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung“.

Ich stimme mit ihr überein, wenn sie sagt, Gendern sei nicht die finale Lösung. Aber auf dem Weg zur Gleichberechtigung finde ich die durch das Gendern ausgelöste Diskussion über Sprache sehr wichtig und  notwendig.

Ein ganz wichtiger Punkt ist tatsächlich die Lesbarkeit für Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, Sehbehinderte und für Menschen, die Deutsch lernen. Diese Punkte sollten in der aktuellen Diskussion auch berücksichtigt werden.

Wer gerne noch weiterlesen möchte, der empfehle ich noch den Artikel „Gender-Debatte: Sind Diskussionen über das Gendern nicht längst überholt?“

Abbildung eines männlich gelesenen Menschen mot der Beschriftung: Die Braut
Das generische Femininum: „Die Braut“ wäre dann die Bezeichnung für alle Menschen

Ihr seht, das Thema Gendern ist sehr schwierig. Ich werde sicher noch ein paar Updates schreiben, denke ich. 🙂 Schaut also ab und zu vorbei oder abonniert mich auf Facebook oder Instagram, dann verpasst Ihr nichts!

 

Das hat Dir gefallen und Du möchtest nichts mehr verpassen?

Dann abonniere einfach meinen Newsletter!

 

5 Kommentare

  1. Toller Artikel, Dankeschön! Deine Beispiele bleiben mir gut im Gedächtnis und helfen mir- hoffentlich- bei kommenden Diskussionen! Viele Inputs gut zusammen gefasst!!👍👍👍

  2. Großartiger Artikel, Frauke! Ich bin sehr beeindruckt. Von deiner Klarheit und von der Art wie du dieses Thema beleuchtest. Und ganz besonders feiere ich die Weise, in der du Kritik übst! Nämlich so sehr wertschätzend und anerkennend und in Verbindung bleibend. So so schön!!! Ich nehme viel mit und freue mich auf alle weiteren Werke von dir zu diesem Themenbereich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.