Interview mit Christina Lamsal, Trainerin für pferdegestütztes Lernen

Frau mit Pferd im Wald
Gemeinsame Waldspaziergänge machen Spaß und eine gute Gelegenheit, die Kommunikation mit dem Pferd zu verfeinern.

Christina Lamsal lebt mit ihrem Mann und 4-jährigem Sohn in Dorsten. Sie ist 46 Jahre alt und seit knapp 40 Jahren von Pferden fasziniert. Inzwischen hat sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und arbeitet als Osteopathin für Pferde, Trainerin für pferdegestütztes Lernen und unterrichtet Pferdemenschen in Pferdesprache und natürlichem Umgang mit Pferden. Die Pferde sind nicht nur Christinas Beruf, sondern auch ihr Hobby. So hat sie zwei eigene Pferde im Selbstversorger-Offenstall und liebt es, in ihrer Freizeit Pferde und ihre Kommunikation zu beobachten und Zeit mit ihnen zu verbringen.

Christina und ihre Stute sind ein eingespieltes Team!

Christina und ich haben uns durch unsere Ausbildung zur Trainerin für pferdegestütztes Lernen und Coaching mit Pferden kennengelernt. Zum ersten Mal getroffen haben wir uns 2015, um uns vor dem Beginn unserer Ausbildung mal „zu beschnuppern“. Der erste Eindruck war: wir werden uns verstehen! Das hat sich dann auch bestätigt.

Die Ausbildung zum „Recommended Instructor“ des Medicine Horse Way nach und mit Carol Roush und 5 weiteren Lehrenden dauerte ein Jahr und fand zum größten Teil in Telford, England, statt. In dieser Zeit haben wir den Leihwagen, das Hotelzimmer, unsere Träume und Visionen sowie einige Hochs und Tiefs geteilt. Schließlich haben wir gemeinsam unseren Prüfungs-Workshop ausgearbeitet und durchgeführt, und uns gefreut, als wir endlich unser Zertifikat in den Händen hielten!

Gruppenbild mit 14 MEnschen, die ihre Zertifikate in den Händen halten
28. August 2016: nach fast einem Jahr halten wir nun unser Zertifikat in den Händen!

„Pferdegestütztes Lernen“ oder „Coaching mit Pferden“ sagt den wenigsten etwas. Kannst Du kurz erklären, was das ist?

Natürlich, gern. „Pferdegestütztes Lernen“ bedeutet erst einmal ganz einfach, dass in einer Coachingeinheit Pferde als Co-Trainer in den Coaching-Prozess eingebunden werden. Aber warum ausgerechnet mit Pferden coachen, fragst du dich?

Das liegt insbesondere darin begründet, dass Pferde durch ihre sehr, sehr, sehr feine Wahrnehmung in der Lage sind zu erspüren wie Menschen fühlen und dies durch ihre eigene, authentische und pferdische Reaktion zurückspiegeln. In einem qualifizierten pferdegestützten Coaching sollte Pferdeverhalten aber nicht interpretiert werden; es bedarf eines großen Einfühlungsvermögens des Trainers dem Klienten*in im Kontakt mit dem Pferd zu ermöglichen, seine Erlebnisse und Erfahrungen selbst zu reflektieren und daraus Selbstbewusstsein zu schöpfen.

Zum zweiten ist der Lernprozess für den Klienten*in „echt“. Im Kontakt mit den Pferden entstehen Situationen, in denen der/die Klient*in neue Handlungsmuster in der Praxis erfahren kann. Es wird also nicht nur „drüber gesprochen“. Real in dem Augenblick erlebte Emotionen können zum Beispiel im Kontakt mit dem Pferd aufgelöst und destruktive Handlungsmuster durch gesündere ersetzt werden.

Wie bist Du selbst zur „pferdegestützten Persönlichkeitsentwicklung“ gekommen?

Als ich begann mich für die pferdegestützte Persönlichkeitsentwicklung zu interessieren, war diese noch ziemlich unbekannt. Ich hatte damals das Buch von Linda Kohanov „Botschafter zwischen Welten“ und später auch „Tao des Equus“ gelesen und angefangen im Internet mehr über die Arbeit von Linda Kohanov zu suchen. Dabei bin ich auf die ersten Epona-Seminare gestoßen, die damals von in Deutschland angeboten wurden. Durch die Bücher war die Neugier in mir geweckt worden. Ein Impuls, den ich bis heute spüre und der mich dazu bringt immer mehr über Pferde zu lernen. So saß ich irgendwann in meinem ersten Epona-Kurs und wusste direkt, dass ich unbedingt diese Ausbildung machen und selbst Trainerin werden möchte.

Was macht diese Art der Selbsterfahrung Deiner Meinung nach so besonders?

In unserer Arbeit geht es immer darum den authentischen Kern des/der Klienten*in zu stärken. Es gibt so viele Selbstzweifel, blockierende Glaubenssätze, und unbewusste Konditionierungen in uns Menschen, die uns alle mehr oder weniger daran hindern ein erfülltes Leben zu leben. Wir haben im Alltag eine oder auch wechselnde Masken auf, je nachdem welche Rolle wir gerade einnehmen und mit wem wir es zu tun haben. Wir versuchen andere Menschen zu beeindrucken durch Kleidung, Wissen, aufgesetzte Coolness. Pferde können wir mit all dem nicht beeindrucken. Bei ihnen zählt nur wer wir wirklich sind, also, ob wir authentisch und in unserer Kraft sind- oder eben nicht.

Das ist es, was jedes Zusammensein, und insbesondere die Coaching-Arbeit, mit Pferden so faszinierend macht.

Seminarraum mit einigen Stühlen; in der Mitte stehen Blumen auf einem Holzklotz, drum herum sind Hefte angeordnet
Der Seminarraum ist fertig vorbereitet für unseren Workshop „Vertrauen? -Trau Dich!“

In welchem Rahmen können Menschen bei Dir Persönlichkeitsentwicklung oder Coaching machen?

Ich biete in der aktuellen Situation ausschließlich Einzelarbeit nach Terminvereinbarung an. Buchbar sind Schnuppereinheiten, einzelne Termine von ca. 90 Minuten Dauer, sowie Coaching-Pakete von 4 oder mehr Einheiten. Diese sind besonders geeignet, um tieferliegende Muster aufzuarbeiten. Dabei stehen Sicherheit und ein geschützter Raum immer an erster Stelle. Die Aktivitäten mit den Pferden sind so konzipiert, dass selbst Menschen mit Ängsten in Bezug auf Pferde daran teilnehmen können. Wir achten beim Medicine Horse Way immer darauf, dass die Klient*innen selbst entscheiden, in welchem Tempo vorgegangen wird und welche Themen bearbeitet werden.

Sofern es die Corona-Lage zulässt, plane ich ab dem Sommer 2022 auch wieder Seminare in Kleingruppen. Darüber werde ich rechtzeitig berichten.

Für wen eignet sich diese Methode?

Das Angebot richtet sich an jeden, der sich angesprochen fühlt. Es kommen häufig Frauen zu mir, die sich in ihrem Leben (mehr) Kontakt zu Pferden gewünscht haben und sie diesem Ruf nun (endlich) folgen. Für sie bedeutet manchmal bereits die Begegnung mit Pferden im geschützten Raum Selbst-Erfahrung.

Viele Pferdemenschen, die zum Coaching kommen sind, so wie ich es auch immer noch bin, neugierig, was Pferde uns Menschen mitzuteilen haben und wie wir von ihnen lernen können.

Manche Menschen kommen, um ein ganz konkretes Problem in ihrem Leben zu bearbeiteten oder sich zu entwickeln.

Manche Dinge sind ja in der Theorie ganz toll, aber die Übertragung in die Praxis gestaltet sich dann doch schwierig. Wie alltagstauglich ist der Medicine Horse Way?

Als Klient*in im Pferdegestützten Coaching benötigt man keinerlei Pferdewissen, so dass dieses Angebot wirklich für jeden gilt, der sich davon angesprochen fühlt. Man muss Pferde noch nicht mal besonders mögen, damit es funktioniert. Man sollte jedoch die Bereitschaft mitbringen sich einzulassen und einen Wunsch nach Authentizität verspüren. Das bedeutet über sich selbst zu lernen:

„Wer bin ich ohne meine Geschichte?“ oder „Wie bin ich ohne diese Maske?“ und „Wie kann ich mein Licht in die Welt bringen?“

Für Pferdemenschen bietet diese Arbeit noch einen ganz großartigen Mehrwert für ihren Alltag: Sie verbessert garantiert die Verbindung zu ihrem Pferd oder Pflegepferd. Gegenseitiger Respekt, gegenseitiges Verständnis und Empathie bringen das Zusammensein mit Pferden auf eine ganz neue Ebene.

Selfie von 2 Frauen vor der Iron Bridge in England
Christina und ich bei unserem ersten Aufenthalt in England 2015 in der Iron Bridge Gorge.

Kannst Du kurz Deine Ausbildung zum „Recommended Instructor“ des Medicine Horse Way beschreiben? Was hat Dir daran besonders gefallen?

Die Ausbildung besteht aus zwei Etappen. In dem ersten Teil geht es darum selbst die Arbeit „Medicine Horse Way“ kennen zu lernen und zu erfahren. An erster Stelle steht, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und selbst durch Höhen und Tiefen zu gehen, damit man später auch Klient*innen dort hindurch begleiten kann. Dieses sogenannte NOW Programm kann man auch buchen, wenn man (noch) nicht an einer Ausbildung interessiert ist.

Der Zweite Teil ist dann die Ausbildung selbst: sie bestand aus drei 10-tägigen Modulen. Wir haben das „Handwerkszeug“ gelernt, Methodik, Didaktik, Psychologie und Pferdewissen. Jede Aktivität, die wir mit Pferden anleiten, wurde schrittweise einstudiert, in Kleingruppen eingeübt und zu guter Letzt wurden die Fähigkeiten jeder einzelnen Trainee in einem echten Workshop mit Klienten*innen überprüft.

Für mich war das Lernen in der Gemeinschaft besonders interessant. Die Abschluss-Workshops haben wir in Kleingruppen erarbeitet. Die Prozesse innerhalb dieser Gruppe waren sehr herausfordernd. Im Nachhinein wurde uns allen bewusst, wie viel wir daran gelernt haben. Man kann also mit Gewissheit sagen, dass es sich auch in der Ausbildung um ein praxisorientiertes Lernen handelt. Am meisten fasziniert es mich auch heute noch Menschen dabei zu begleiten ihre eigene Wahrheit zu finden und in ihre Kraft zu kommen.

Du bist außerdem Reitlehrerin. Helfen Dir die Tools aus dem Medicine Horse Way dort auch weiter?

Ja, ganz enorm. Ich stelle immer wieder fest, dass ich durch meine Kenntnisse und Erfahrungen aus dem pferdegestützten Coaching Pferden und Menschen viel Stress ersparen kann. Wenn ich merke, das Pferd macht zu, oder bei Pferd oder Mensch steigt das Erregungslevel, dann beharre ich nicht auf dem Fortsetzten bestimmter Übungen, sondern gehe einen Schritt zurück und versuche herauszufinden wie diese Spannungen aufgelöst werden können. Erst wenn Pferd und Mensch wieder geerdet bzw. in ihrer Mitte sind, geht es weiter. Sowohl Pferde als auch Menschen lernen und entwickeln sich nur dann weiter, wenn sie nicht unter Stress stehen. Das ist ja eigentlich logisch und bekannt, trotzdem wird es im Umgang mit Pferden oft vergessen. Reiter*innen versuchen ihren Willen durchzusetzen, weil sie Angst haben, ihr Pferd könnte sie nicht respektieren, wenn sie dieses oder jenes zulassen. Dabei ist es genau umgekehrt. Pferde wertschätzen reflektiertes und vorausschauendes Handeln bei uns Menschen.

Neben dem Coaching unterrichte ich auch Pferdesprache

Diese ist das Tor zur nonverbalen Kommunikation, die nicht nur bei Pferden eine große Rolle spielt. Wir Menschen nehmen häufig gar nicht wahr, wie viele Informationen außerhalb der verbalen Sprache übermittelt werden. Über Gespräche mit Pferden eröffnen sich nicht nur für den Kontakt zu Pferden fantastische Möglichkeiten, sondern das Erlernen von Pferdesprache hat auch für die Persönlichkeitsentwicklung von Menschen ein großes Potential. Pferde verstehen uns Menschen nämlich tatsächlich, obwohl wir in einem menschlichen Körper stecken. Es ist möglich, Vokabeln der Pferdesprache mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu imitieren, um von Pferden verstanden zu werden. Umgekehrt erfordert es geduldiges Zuhören, um Pferdverhalten als Kommunikation zu verstehen.

Wie beim Lernen jeder Fremdsprache, wird es aber schon viel leichter, wenn man einmal den Grundwortschatz versteht und sich selbst verständlich machen kann. Pferde sind manchmal etwas irritiert, wenn wir uns plötzlich für ihre Bedürfnisse interessieren und in uns mit ihnen unterhalten möchten. Haben sie einmal verstanden, dass wir das tatsächlich ernst meinen, sind sie meist sehr hilfsbereit und dolmetschen gern. Ein Beispiel? Stell dir vor, du kannst aufgrund einer Stimmband OP nicht sprechen. Wie würdest du deinem Gegenüber zu verstehen geben, in welche Richtung du beim Spaziergang gehen möchtest? Ich denke du wirst antworten: mit der Hand in die Richtung zeigen und mit dem  Kopf dorthin nicken. Und wenn du keine Arme hast? Mit dem Kopf hin nicken oder zeigen. Genau so tun es Pferde. Ich verdeutliche meine Information noch, indem ich dem Pferd einmal zuzwinkere und auch noch mit der Hand in die Richtung zeige, damit ich selbst den Fokus auch wirklich halte. Wir sind es nicht gewohnt, über die Augen zu kommunizieren. Aber es funktioniert! Garantiert. Mit Pferden wie auch mit Menschen.

Frau sitzt auf weißem Pferd
Christina auf ihrer Stute Plume d’ange.

Hast Du zum Schluss noch einen Tipp für Menschen, die mit dem pferdegestützten Coaching starten möchten?

Es gibt inzwischen unglaublich viel Angebote für pferdegestütztes Coaching. Ich empfehle wirklich gut hinzusehen und auf dein Bauchgefühl zu achten, ob das Angebot das Richtige für dich ist. Wenn du nach der ersten Einheit mit einem unguten Gefühl nach Hause gehst, dann such dir besser eine Alternative. Wichtig ist auch immer selbst auf die eigene Sicherheit zu achten. Es empfiehlt sich auch gut hinzusehen, wie die Pferde gehalten und behandelt werden. Ein Pferd, das den ganzen Tag in einer dunklen Box steht kann nicht die seelische Verfassung haben, um einem Menschen zu helfen.

Vielen Dank, Christina, für den Einblick in Deine Arbeit und die ausführlichen Informationen!

Wir hoffen, dass wir 2022 wieder gemeinsame Seminare anbieten können. Das wird nach derzeitigem Stand der Dinge unter Einhaltung der 2G+-Regelung möglich sein. Weitere Informationen findet Ihr auf den Webseiten von Christina und mir.

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