Interview mit Nova Gockeln, trans*Beratung und trans*Empowerment

Interview mit Nova Gockeln: Das bIld zeigt Nova und eine Dino-Statue

Heute präsentiere ich Euch stolz und glücklich mein Interview mit Nova Gockeln vom Sunrise in Dortmund!

Als unser Kind sich als trans* 2021 outete, wies mich jemand auf die Beratungsstelle „Sunrise“ hin. Wie sich bald herausstellte, war dieser Tipp mit Gold nicht aufzuwiegen! Ich habe mir daraufhin die Webseite angeschaut und mich auf der Veranstaltungsseite für sämtliche Webinare eingetragen. Dann habe ich die Informationsbroschüren „Trans* und Familie“ und „Trans*Relevanz – Grundlagen und Tipps für Fachkräfte“ bestellt. Durch Novas Info-Veranstaltungen, die sehr informativ und spannend sind, und den Austausch mit anderen Eltern in den Veranstaltungen habe ich so viel gelernt! Mein Mann und ich haben auch einen Beratungstermin wahrgenommen. Das gab uns viel Sicherheit und Orientierung.

Nova Gockeln ist 35 Jahre alt und wohnt in der Nähe von Dortmund. Novas Pronomen sind „sie“ und „er“. Nova ist Psycholog*in, arbeitet seit August 2018 beim „Sunrise“ und schreibt eine Masterarbeit zum Thema „Notwendige Kompetenzen in psychosozialer Beratung“. Nova mag gerne Anime/Manga, Videospiele, Dinosaurier und Katzen.

Der Trägerverein des „Sunrise“ ist der Slado e.V. . Infos, wie Ihr das „Sunrise“ unterstützen könnt, findet Ihr hier. Ich bin mittlerweile Patin und spende monatlich einen kleinen Betrag, damit diese tolle und wertvolle Arbeit erhalten bleibt. Das liegt mir wirklich am Herzen.

Wenn Dir Begriffe im Interview unklar sind, schau gerne in mein Glossar zum Thema trans*!

Danke, Nova, für Deine Arbeit, die uns so geholfen hat und für das Interview! Es hat mir viel Spaß gemacht. 🙂

Here we go:

Über Nova und das „Sunrise“ in Dortmund

Du arbeitest in der Beratungsstelle „Sunrise“ in Dortmund. Erzähl doch ein bisschen über Euer Angebot und über Deine Arbeit.

Das Sunrise ist ein Jugendtreff und eine Beratungsstelle für LSBPATINQ*. Das steht für lesbisch, schwul, bi, pan, dem A*Spektrum zugehörig, trans*, inter*, non-binary und queer. Meine Arbeit umfasst den Bereich der Trans*-Beratung und des Trans*-Empowerment. Meine Beratung richtet sich an alle jungen trans* Menschen bis 23 Jahre, aber auch an Angehörige und Fachkräfte. Weiterhin bin ich noch zuständig für den Trans*-Treff im Sunrise und biete auch Infoveranstaltungen und Fortbildungen zum Thema Trans* an. Zu uns kommen vor allem Menschen aus Dortmund, aber auch aus den umliegenden Städten. Gerade aus Städten wie Unna oder Hagen, in denen es kein spezifisches Angebot gibt, kommen einige Anfragen. Auch in unseren Treff kommen Jugendliche, die etwas weitere Fahrtwege haben, weil es in ihren Orten leider keine Angebote gibt.

Selfie eines Menschen auf einer Wiese mit einem Gebäude im Hintergrund
Nova Gockeln, Psycholog*in und zuständig für die trans*Beratung und trans*Empowerment beim Sunrise in Dortmund.

Die Sache mit der Anrede

Wir selbst wohnen ja auch 70 km von Dortmund entfernt und unser erster Kontakt mit Dir war per E-Mail. Unter Deinen E-Mails steht Folgendes:

Pronomen „_sie_“ oder „_er_“, Anrede mit Vor- und Nachnamen statt „_Frau_“ oder „_Herr_“

Inzwischen habe ich einiges gelernt, aber das hatte ich vorher noch nie gelesen. Das geht vielleicht auch anderen so. Kannst Du das kurz erklären?

Die Signatur erklärt, welche Anrede ich bevorzuge. Ich benutze sowohl die Pronomen „sie“ als auch „er“, möchte aber mit z.B. „Guten Tag Nova Gockeln“ angesprochen anstatt einer förmlichen Anrede mit „Frau“ oder „Herr“. Leider gibt es noch wenig Möglichkeiten, geschlechtsneutrale Varianten bei derartigen förmlichen Anreden zu nutzen, ich finde die Version mit Vor- und Nachnamen aber für mich gerade als gute Lösung. Darauf gehe ich auch gleich nochmal ein.

Dein Tipp für junge trans*Menschen

Der Schwerpunkt Deiner Arbeit ist also die Beratung von jungen trans*Menschen und Angehörigen von trans*Menschen. Ich kann mir vorstellen, dass das eine sehr bereichernde Tätigkeit ist, aber Du triffst sicher auch auf junge Menschen, die verzweifelt sind, denen es an Unterstützung fehlt, denen es einfach nicht gut geht. Gibt es eine Botschaft, die Du den Menschen mitgeben möchtest?

Mein Tipp ist es, zu versuchen, andere trans* Jugendliche kennenzulernen und sich gegenseitig zu stärken. Das ist beispielsweise bei uns im Treff möglich. Ich habe schon häufiger erlebt, dass Jugendliche bei uns richtig aufgeblüht sind und einen Halt gefunden haben. Daneben ist es auch wichtig, sich andere Unterstützungsnetzwerke aufzubauen. Das ist für Jugendliche oft schwer, deswegen ist eine Unterstützung durch Fachkräfte sehr wichtig, gerade wenn das familiäre Umfeld keine oder nicht genügend Unterstützung liefert. Da kann es hilfreich sein, sich z.B. an Lehrer*innen oder Schulsozialarbeiter*innen zu wenden. Diese können sowohl selbst helfen, aber auch mit den Jugendlichen zu einer Beratungsstelle wie ins Sunrise kommen, wenn diese sich allein nicht trauen.

Dein Tipp für Angehörige von trans*Menschen

Sicher gibt es auch Angehörige, die mit der Situation hadern, die Zweifel haben, die sich schwertun, sich an neue Namen und Pronomen zu gewöhnen. Was möchtest Du ihnen an dieser Stelle mitgeben?

Mein Tipp an dieser Stelle ist es, sich mit den eigenen Unsicherheiten und Blockaden zum Thema auseinander zu setzen. Das braucht oft Zeit und die sollte man sich auch nehmen. Wichtig ist auch ein Austausch mit anderen Angehörigen, auch denen, die schon weiter auf dem Weg sind und einen positiv bekräftigen können. Dann wird oft klar, dass sich mit der Zeit Probleme lösen können, die jetzt noch unüberwindbar wirken. Zum Thema Wunsch-Name und Pronomen: hier ist mein Tipp wirklich konsequent zu üben. Fehler sind erlaubt, wichtig ist, dass man die Haltung zeigt, es in Zukunft besser hinzukriegen. Die richtige Ansprache ist im Allgemeinen sehr wichtig für trans* Kinder und Jugendliche und deren psychische Gesundheit.

Welche Tipps kannst Du Menschen geben, die bisher wenig Kontakt mit dem Thema trans* hatten?

Da es aktuell auch viele Medienberichte gibt, die Falschinformationen zum Thema verbreiten, ist mein Tipp sich direkt mit trans* Menschen auszutauschen oder Dokumentationen zu schauen, in denen trans* Menschen über ihr Erleben berichten. Wichtig ist es dann noch ein paar grundlegende Aspekte zu beachten: Das Geschlecht oder auch das Pronomen können wir Menschen nicht ansehen, insofern ist es am besten nachzufragen, wenn Unsicherheiten in der Ansprache bestehen.

Empfehlenswert ist auch, sich über sensible Sprache zu informieren, um Diskriminierungen zu reduzieren. Beispielsweise wird die Aussage „Diese trans* Frau war eigentlich mal ein Mann“ als verletzend empfunden, denn die Identität des Menschen war die ganze Zeit weiblich. Hier ist es besser zu sagen „Dieser Mensch ist eine Frau und wurde bei der Geburt als männlich zugewiesen.“ Außerdem sind Fragen nach dem alten Namen auch für viele etwas sehr Unangenehmes. Wenn man mal einen Fehler macht, ist das aber ok, wichtig ist nur, sich zu entschuldigen und es beim nächsten Mal besser zu machen.

Die große Hoffnung: Das neue Selbstbestimmungsgesetz

Die neue Bundesregierung räumt dem Thema LSBTIQ* so viel Raum ein wie nie zuvor. Das gibt Hoffnung, dass endlich das Trans-Sexuellen-Gesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt wird. Welche Änderungen wünschst Du Dir, was fändest Du sinnvoll oder hilfreich?

Ich bin sehr froh, dass das Selbstbestimmungsgesetz sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahren kommen wird. Ich denke, dass das auch ein großer Durchbruch für die Sichtbarkeit und Anerkennung von Rechten von trans* Menschen sein wird. Vor allem wünsche ich mir, dass die rechtliche Änderung des Vornamens und der Personenstandsänderung deutlich vereinfacht wird. Aktuell ist dies noch ein sehr langwieriger und kostspieliger Prozess, bei dem zwei als meist als sehr unangenehm empfundene Gutachter*innen-Gespräche geführt werden müssen. Das erschwert und blockiert auch den Zugang für viele Menschen, die diesen Prozess sowohl finanziell als auch von ihren anderen Ressourcen her (emotional und mental) nicht durchlaufen können.

Mensch zeigt beide Hände mit den Daumen nach oben. Die Schrift sagt: Heute geht es nochmal um Soforthilfe gegen negative Gedanken und Emotionen
Info-Veranstaltungen wie diese hier gehören zum vielfältigen Angebot des Sunrise.

Deine Meinung zu Informationsquellen über LSBPATINQ*

Im Internet finden wir heute jede Menge Informationen zu allen möglichen Themen. Ich finde, das ist eine große Bereicherung. Eine lesbische Frau hat mir erzählt, dass es in ihrer Jugend kaum Informationen oder Bücher gab, unser Sohn dagegen hat sich umfassend im Internet informiert. Was hältst Du davon?

Erstmal finde ich es super, dass mehr Informationen verfügbar sind und es auch viele Videos auf Youtube und Tiktok gibt, in denen trans* Menschen von ihren Erfahrungen berichten. Das hilft gerade jungen trans* Menschen in der Findungsphase. Gefahren sehe ich durch die Inhalte eher weniger. Schwierig ist die aktuell stark verbreitete Fehlannahme, dass die höhere Sichtbarkeit auf sozialen Medien zu einem Trend führt und Kinder und Jugendliche diesem Trend folgen und dadurch Trans* werden. Diese These wird auch durch mediale Artikel weiterverbreitet. Dabei handelt es sich um ein nicht zutreffendes Vorurteil, es beeinflusst aber Angehörige und Fachkräfte und führt dazu, dass junge trans* Menschen weniger unterstützt werden. Hier ist weitere Aufklärung auch sehr wichtig.

Hinsichtlich des Medienkonsums der Jugendlichen ist zu empfehlen, dass diese sich nicht ausschließlich die Informationen und Erfahrungsberichte aus dem Internet holen. Einen direkten Kontakt von trans* Kindern und Jugendlichen untereinander erleben wir in unserem Treff als sehr bereichernd. Trotzdem gibt es auch Jugendliche, die aufgrund mangelnder Akzeptanz oder anderen Blockaden nicht zu uns können und für die das Internet dann weiterhin eine wichtige Quelle der Identitätsfindung verbleibt.

Über die Sichtbarkeit von trans*Menschen

Du sagst, dass Du gerne Videospiele spielst. Wie siehst Du dort aktuell die Repräsentation von trans* Menschen? Im Gegensatz zu immer queerer werdenden Filmen und Serien scheint hier noch Nachholbedarf zu sein.

Videospiele werden zum Glück auch immer diverser, auch wenn dies teilweise durch die Gamer*innen-Community teilweise weniger positiv aufgenommen wird. Aber im Jahr 2020 gab es beispielsweise durch die Macher*innen des Spiels „Life is Strange“, welches auch bereits queere Anteile hatte, den neuen Titel „Tell me Why“. Hier ist ein trans* Mann einer der Hauptcharaktere und die Darstellung des Charakters und seiner Identität wurde in der Community auch sehr positiv aufgenommen. Ich mag weiterhin auch die androgyne und geschlechtsnonkonforme Darstellung der Charaktere in einigen japanischen Spielen wie der „Final Fantasy“-Reihe.

Broschüren und Veranstaltungen des Sunrise

Das Sunrise bietet für queere Jugendliche (bis 23 Jahre) einen offenen Treff an. Auf Insta findet Ihr genaue Infos zu Aktionen wie z.B. TIN*-Schwimmen und auch zu Ausflügen ans Meer oder ins Phantasialand.

Sehr empfehlen möchte ich die Webinare für Angehörige und Fachkräfte, wie z.B. Trans* und Familie, Trans* für Fachkräfte, Der rechtliche Weg, der medizinische Weg, uvm. Hier könnt Ihr unheimlich viele wichtige Informationen erhalten und auch der Austausch mit anderen Eltern oder Fachkräften kommt nicht zu kurz. Es ist sehr interessant und Ihr braucht dafür noch nicht mal irgendwohin fahren! Praktischer geht es nicht. Die aktuellen Info-Veranstaltungen findet Ihr hier.

Zum Schluß möchte ich Euch noch die Info-Broschüren des Sunrise empfehlen. Ihr könnt sie in Papierform bestellen oder als PDF runterladen und selber lesen oder auch weitergeben:

Trans* und Familie

Trans*Relevanz: Grundlagen und Tipps für Fachkräfte

Talk to me: Sex und Gesundheit für queere Teenies

 

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